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Trinkwasser aus den Wolken

90 Prozent der Fläche von Gran Canaria drohen zur Wüste zu werden, denn der ursprüngliche Bergregenwald wurde durch die Besiedlung der Insel stetig vernichtet. Ein Waldbrand im Jahr 2019 raubte der Insel weitere Flächen. Wolkenfänger sollen nun den Wald wieder aufforsten.

Flavia Müller

Ungefähr vier Meter hoch sind sie, die Nebelkollektoren auf Gran Canaria. Grosse, grüne Gestelle, die in unbewaldeter Umgebung stehen. Die synthetischen Netze fangen die Tropfen aus Nebel und Wolken auf, die der Wind dort «reinbläst». Durch den Wind vermengen sich die Tropfen an den Maschen der Netze, die dadurch schwerer werden und daraufhin nach unten in einen Sammelbehälter fallen.

Rund 53 000 Liter Wasser konnten im ersten Projektjahr so gesammelt werden, die Menge, die ein Europäer durchschnittlich etwa in einem Jahr verbraucht. Mit dem Wasser werden rund 3000 Jungbäume bewässert, um die vom Waldbrand geschädigten Gebiete wieder aufzuforsten. Auch Obstbauern in der Gegend giessen mittlerweile mit Nebelwasser und sogar Craftbeer wird auf den Kanaren damit gebraut. Nebelfänger sind überall da sinnvoll, wo es wenig Trinkwasser gibt oder die Gewinnung von Trinkwasser sehr teuer wäre. Allerdings funktionieren die Netze nur unter bestimmten geografischen und klimatologischen Bedingungen. Etwa in bergigen Regionen, meistens in Küstennähe, wo es viel Nebel und Wind gibt, es aber an Regen mangelt.

 

Innovation und Entwicklung

Nebelkollektoren

In Gran Canaria stehen neben den traditionellen grünen Netzen noch weitere. Damit werden neue Innovationen und Weiterentwicklungen der Netze getestet. Zum Beispiel an einem deutlich effizienteren Nebelfänger, der statt Netze zahlreiche feine Metallnadeln an der Oberseite der Konstruktion aufweist. An diesen Nadeln, die wie Stalaktiten nach unten hängen, sammeln sich die Nebeltropfen und werden darunter von einer Platte aufgefangen. Der Vorteil: Die Produktion ist einfacher und günstiger und der Wolkenfänger kann praktisch nicht kaputtgehen – egal wie stark Wind und Regen daran rütteln. Das Agrarforschungsinstitut der kanarischen Regierung (ICIA) tüftelt aber auch an weiteren Varianten des sogenannten «Fog Water Collector» (FWC) und testet zudem die neue schräge Variante (i-FWC). Hier werden die Nadeln nicht einfach zweidimensional an einer hohen Struktur aufgehängt, sondern, ähnlich wie bei Sonnenkollektoren, schräg nach oben verlaufend an einzelnen Strängen. Diese i-FWCs sollen kleiner, leichter, einfacher zu installieren und vor allem billiger als herkömmliche FWCs sein.

Ebenfalls testet das ICIA Nebelfängergitter, die Bäumchen direkt umgeben und selbstständig bewässern – genauso wie ein Wassersammeltank, der sich bei ausreichend Füllstand von selbst entlädt und darunterliegende Bäume giesst.

Das alles dient dazu, eine möglichst autarke und klimaneutrale Wassererzeugung zu schaffen, die den Wassertransport auf den Berg per Tanklastwagen oder benzinbetriebenen Pumpen überflüssig macht. Ganz zu schweigen von der Meerwasserentsalzung, mit der der Grossteil des Leitungswassers auf der Insel heute gewonnen wird. Die EU finanziert dieses Projekt namens Life Nieblas zu gut 50 Prozent – mit dem Ziel, Erosion zu verhindern und die Bodenqualität zu verbessern.

 

 

Afrika und Südamerika

Auch in Marokko, Tansania, Chile oder Ecuador gibt es ähnliche Projekte. In Tansania erhalten Schulen dadurch Wasser zum Trinken, Kochen oder zum Putzen. Marokko besitzt auf einer Fläche von 1700 Quadratmetern aktuell die grösste Nebelnetzanlage weltweit und versorgt damit beträchtliche Teile eines trockenen Distrikts mit Trinkwasser – das zuvor kostspielig zugekauft und herangeschafft werden musste.

25 Kilometer an Wasserleitungen versorgen mittlerweile 15 Dörfer und mehrere Zisternen speichern das Wasser für nebelarme Tage. Neben den naheliegenden Vorteilen – Trinkwasser und Erhalt der Vegetation – bringen die Nebelnetze weiteren Nutzen, besonders für die Mädchen in den ländlichen Regionen. Denn meist waren sie es, die morgens Wasser für die Familien holen mussten und Stunden an den Brunnen und auf dem Weg dorthin verbrachten. Jetzt haben viele Zeit, auch in die Schule zu gehen und Lesen und Schreiben zu lernen. Auch die letzten Schulen in der Region erhalten zudem endlich Wasseranschlüsse und damit saubere Toiletten sowie einen Waschraum. Und die marokkanische Organisation Dar Si Hmad baut an den Schulen der Region Schulgärten auf, in denen Besucher und Schüler sich in einem Perma-Kulturgarten informieren und zugleich viel über heimische Pflanzen und biologische Kreisläufe lernen können. Die benötigte Wassermenge wird mit einer Prepaidkarte bezahlt und über einen Wasserzähler abgerechnet. Wenn eine Familie überdurchschnittlich viel Wasser verbraucht, wird es teuer. Denn wenn Wasser nichts koste, werde es verschwendet, meint die Organisation Dar Si Hmad.

 

Hindernisse

Während die Bevölkerung im Regelfall die Netze begrüsst und auch benötigt, scheitern gemäss einer internationalen Überblicksstudie Projekte oftmals daran, die lokale Bevölkerung von der Technologie und Instandhaltung zu überzeugen und einzubeziehen. Ein weiteres Hindernis liege in fehlendem Geld, Know-how und Material, um Nebelfänger selbstständig zu reparieren. Auch der Klimawandel selbst, der zu dieser Technologie inspirierte, könnte langfristig den Nebelfängern wortwörtlich das Wasser abgraben.

Denn wie der Klimaforscher Klemm bereits 2015 gemeinsam mit einem chinesischen Kollegen zeigte, nimmt der Nebel, der aufgefangen werden könnte, weltweit in Menge und Intensität ab (Aerosol and Atmospheric Research: Klemm/Lin, 2015). Nebelbänke wanderten zunehmend in höhere Lagen – und könnten letztlich Ökosysteme, die auf Nebelkondensation und ihre Nutzung angewiesen sind, langfristig ganz unter sich lassen. Doch noch ist das Potenzial von Trinkwasser aus den Wolken nicht ausgeschöpft.

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