
Mit über 170 Millionen verkauften Büchern gehört die 2002 verstorbene Astrid Lindgren weltweit zu den bekanntesten Kinderbuchautorinnen. Ihre Wohnung an der Dalagatan in Stockholm, wo sie 60 Jahre lebte, ist erhalten, als ob sie gleich vom Einkaufen zurückkäme. Das will ihre Tochter Karin Nyman so, für die Astrid Lindgren Pippi Langstrumpf erfunden hatte.
Anton Ladner
Das Haus an der Dalagatan 46 liegt gegenüber dem Vasaparken, einer langgezogenen, von hohen Bäumen umsäumten Gartenanlage im Stockholmer Stadtteil Vasastaden. Sie dient den Anwohnern als Salon und Sportanlage. Im Sommer toben hier die Kinder umher oder spielen Minigolf, während sich die Eltern bei den zwei Getränkekiosken aus alten Zeiten an der frischen Luft entspannen. Im Winter wird das Fussballfeld zu einer Kunsteisbahn. Der ovale Sportplatz im Vasaparken wurde 1911 als grosse Neuheit angelegt und war seit den 1930er Jahren einer der beliebtesten Spielplätze der Stadt. Zwischen Nadel- und Laubbäumen verstreut entstanden zudem Steingärten und ein Spiegelteich, der sogenannte Stockholmer Parkstil, der weltberühmt wurde.
1941 bezog Astrid Lindgren mit ihrer Familie die 4-Zimmer-Wohnung an der Dalagatan 46 im ersten Stock, die eine herrliche Sicht auf das fröhliche Treiben im Vasaparken bietet. Lindgren kam 1907 in Småland zur Welt und wuchs auf einem Pfarrhof auf, umgeben von ländlicher Idylle und ungezähmter Natur. Während ihrer Schulzeit weckte eine Erzählung, vorgelesen von der Tochter des Kuhhirten, ihre Liebe zu Geschichten mit Bildern. 1924 absolvierte sie ein Volontariat bei der Lokalzeitung Vimmerby Tidningen, wo sie journalistische Fertigkeiten erwarb. Dort wurde sie bereits mit 18 Jahren schwanger, was von ihrer Umgebung als Skandal wahrgenommen wurde. Denn der Vater ihres Kindes war der Eigentümer und Chefredakteur der Zeitung, bedeutend älter als sie und bereits Vater von sieben Kindern. Astrid Lindgren zog deshalb nach Stockholm, brachte ihren Sohn Lars heimlich in Kopenhagen zur Welt und übergab ihn an eine Pflegefamilie. In Stockholm absolvierte sie dann eine Ausbildung zur Sekretärin und trat dann bei der schwedischen Buchhandelszentrale die Nachfolge von Zarah Leander an, die von der Sekretärin zur Sängerin und Schauspielerin wurde. Ab 1928 arbeitete Lindgren beim Königlichen Automobil-Club, wo sie später auch ihren Ehemann Sture Lindgren kennenlernte, den sie 1931 heiratete. 1934 kam ihre Tochter Karin zur Welt, die sich sieben Jahre später mit einer Lungenentzündung krank im Bett den Namen Pippi Langstrumpf gab. Gelangweilt im Bett forderte sie ihre Mutter auf, von Pippi zu erzählen, und so erfand die Mutter wilde Geschichten. Als Astrid Lindgren im Winter im Vasaparken ausrutschte und sich dabei den Fuss verstauchte, begann sie, ihre Pippi- Geschichten liegend zu stenografieren. 1944 reichte sie das Manuskript beim Verlag Albert Bonniers Förlag ein, der damit nichts anzufangen wusste. Astrid Lindgren nahm mit dem Manuskript «Birtt-Mari erleichtert ihr Herz» einen zweiten Anlauf, nun beim Verlag Raban & Sjörgen – mit Erfolg. Der Verlag brachte später auch in überarbeiteter Version Pippi Langstrumpf heraus und stellte die Schriftstellerin für die Kinderbuchabteilung als Lektorin mit einem 50-Prozent-Pensum ein. Astrid Lindgren blieb dort bis zu ihrer Pensionierung 1970. Am Morgen schrieb sie an ihren Büchern, am Nachmittag arbeitete sie im Verlag.
Pippi Langstrumpf wurde ein Welterfolg und Lindgrens am meisten verkauftes Buch. Es erschien in 70 Sprachen. Die Seemannstochter Pippi ist selbstbewusst, voller Fantasien und völlig unabhängig. Astrid Lindgren dürfte sich dazu auch Inspirationen bei den spielenden Kindern im Vasaparken geholt haben. Ihre stenografierten Texte tippte sie an ihrem Schreibtisch am Fenster mit herrlichem Blick auf den Park. Astrid Lindgren starb am 28. Januar 2002 an den Folgen einer Virusinfektion im Alter von 94 Jahren in ihrer Wohnung Dalagatan 46, in der sie über 60 Jahre lang gelebt hatte.
Auf Wunsch ihrer Tochter Karin ist in ihrer Wohnung seither alles so geblieben, als sei Astrid Lindgren nur schnell weg zum Einkaufen. Auf Reservierung kann die Wohnung in einer Gruppe von maximal 12 Personen besichtigt werden, ein privater Besuch bei Astrid Lindgren. Denn die Wohnung ist kein Museum, sie dient den Nachkommen noch heute für Familientreffen. Ihr Geist ist hier noch ganz da.
Die pädagogische Wirkung Lindgrens liegt in der Art, wie sie kindliche Perspektiven ernst nahm und diese in kraftvolle Figuren übersetzte: Pippi, mit ihrem anarchischen Freiheitsgeist, stellte kindliche Selbstbestimmtheit autoritären Normen gegenüber. Astrid Lindgren gab Kindern nicht nur entzückende Geschichten, sondern Identifikationsfiguren, die sie ermächtigten, sich selbst als wertvoll zu erleben. Ihr pädagogisches Wirken endete nicht beim Schreiben: Lindgren engagierte sich vehement für Kinderrechte – insbesondere gegen körperliche Züchtigung. Ihr Einsatz mündete 1979 in einem der weltweit ersten Gesetze gegen körperliche Strafen von Kindern. Ihr Weg von der ländlichen Kindheit, über journalistische Ausbildung, Brüche (ihr Mann war Alkoholiker und starb bereits 1952) und verschiedene Berufserfahrungen zur weltberühmten Autorin ist Ausdruck eines Lebens, das in Verantwortung, Freiheit und Empathie wurzelte.
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